JVA Magdeburg – Teil 2: Was in den Sicherheitszellen wirklich geschah

Die Ösen im Boden waren kein Zufall. Ein ehemaliger Beamter erklärt uns die Zellen im Südflügel. Und eine weitere Geschichte führt zurück zum 17. Juni 1953 – zu Ernst Jennrich.

Eine schwere Tür. Helle Fliesen. Eine Liege, die sich nicht verrücken lässt. Dann fällt euer Blick auf die Ösen im Boden. Wer hier mit der Kamera steht, sucht vielleicht zuerst nach einem Bildausschnitt. Und bleibt plötzlich an einer ganz anderen Frage hängen: Was ist in diesem Raum geschehen?

In Teil 1: „Was geschah in diesen Zellen?“ mussten wir die Antwort noch offenlassen. Wir hatten die Spuren gesehen, konnten sie aber nicht sicher einordnen. Inzwischen haben wir mit einem ehemaligen JVA-Beamten gesprochen, der mehr als zwanzig Jahre in der Halberstädter Straße gearbeitet hat. Seine Erinnerungen geben den stummen Details eine Bedeutung.

JVA Magdeburg - Lost Places Fototour

Die Zellen gehörten nach seiner Schilderung zu einem abgestuften Sicherheitssystem. Es sollte eingesetzt werden, wenn Gefangene sich selbst oder andere akut gefährdeten. Was sich hinter dieser nüchternen Beschreibung verbirgt, wird erst verständlich, wenn man die einzelnen Stufen kennt.

Wer die Räume selbst sehen möchte: Die JVA-Fototour ist häufig schnell ausgebucht. Schaut frühzeitig nach einem passenden Termin. Sechs Stunden vor Ort geben euch Zeit, die Architektur zu entdecken und auch den kleinen Spuren nachzugehen.

Vier Stufen – und immer weniger Bewegungsfreiheit

Der ehemalige Beamte beschreibt vier Sicherheitsstufen: von zusätzlichen Kontrollen in einer gewöhnlichen Zelle bis zur Fixierung in einem besonders gesicherten Haftraum. Für diesen Raum verwendet er die Abkürzung BGH. Die Abkürzung lautet BGH, das steht für Besonders Gesicherter Haftraum. Aber BGH ist kein einzelner Raumtyp. Es ist ein Eskalationssystem mit vier Stufen, in Kraft gesetzt, wenn jemand in der Anstalt eine Gefahr für sich selbst oder andere darstellte.

Wir geben hier seine Schilderung des damaligen Ablaufs in der JVA wieder; die vier Stufen sind keine allgemeine Anleitung für den heutigen Strafvollzug.

gefaengnis jva magdeburg

Stufe 1: Der Blick durch die Kostklappe

Am Anfang blieb der Gefangene in seinem normalen Haftraum. Kein anderer Raum, kein festgeschraubter Stuhl. Doch der Alltag hatte sich verändert: In festgelegten Abständen kontrollierte ein Mitarbeiter durch die Kostklappe, wie es dem Menschen hinter der Tür ging. Jede Kontrolle wurde auf einem Beobachtungsbogen dokumentiert.

Eine kleine Öffnung in einer schweren Tür. Beim Fotografieren wirkt sie zunächst wie ein Detail der Gefängnisarchitektur. Mit diesem Wissen wird daraus auch ein Blick auf die Sorge, ob jemand in der Zelle noch unversehrt ist.

Stufe 2: Selbst der Löffel war aus Gummi

Die nächste Stufe bedeutete einen anderen Haftraum. Die Möbel waren festgeschraubt. Dinge, mit denen sich jemand verletzen konnte, wurden entzogen oder durch weichere Materialien ersetzt. Der Beamte erinnert sich an eine Gummischüssel, einen Gummilöffel und einen Zahnputzbecher aus Weichplastik. Dazu kam eine durchgehende Kameraüberwachung.

Gerade diese alltäglichen Gegenstände machen die Situation greifbar. Ein Löffel, ein Becher, ein Stuhl: Was draußen kaum einen Gedanken wert ist, wurde hier Teil einer Sicherheitsentscheidung.

Stufe 3: Ein Mensch vor dem Monitor

Reichten diese Maßnahmen nicht aus, folgte nach seiner Darstellung der besonders gesicherte Haftraum ohne Fixierung. Die Kamera lief permanent. Ein Mitarbeiter beobachtete den Gefangenen während seiner gesamten Schicht auf dem Bildschirm. Die Überwachung sollte ermöglichen, bei einer weiteren Gefährdung einzugreifen.

Stufe 4: Die Ösen im Boden

Die vierte Stufe war der besonders gesicherte Haftraum mit Fixierung. Zur Kameraüberwachung kam eine Sitzwache unmittelbar vor der Zellentür hinzu. Ein Mitarbeiter beobachtete den Gefangenen direkt durch die Scheibe, während ein weiterer den Monitor im Blick behielt. Auffälligkeiten wurden dokumentiert.

Der Beamte beschreibt auch das frühere System am Boden: Hände und Füße wurden mit Fesseln an eigens dafür angebrachten Ösen gesichert. Aufstehen oder Umdrehen war so nicht mehr möglich. Die Ösen, vor denen wir im Südflügel stehen, ordnet er diesem früheren Fixierungssystem zu.

Damit bekommt unsere Frage aus Teil 1 eine Antwort. Die sichtbare Ausstattung lässt sich nach seiner Aussage als Teil dieses Sicherheitssystems erklären. Sie sagt für sich allein allerdings nicht, wer in einer bestimmten Zelle untergebracht war, wie lange eine Maßnahme dauerte oder was im Einzelfall geschah.

Wer entschied, dass die Tür zuging?

Nach den Erinnerungen des Beamten ordnete die Anstaltsleitung solche Maßnahmen an; in dringenden Situationen konnte auch der diensthabende Schichtleiter handeln. Bevor eine Maßnahme der vierten Stufe aufgehoben wurde, fand seiner Schilderung zufolge ein Gespräch mit einem Psychologen oder dem Anstaltsarzt statt. Die Freigabe lag bei der Anstalts- oder Sicherheitsdienstleitung.

Vorgesehen war das System zur Gefahrenabwehr, nicht als Disziplinarstrafe. Wie einschneidend es für die betroffenen Menschen war, lässt sich dennoch schon an der Ausstattung erahnen: weniger Gegenstände, weniger Bewegungsfreiheit, immer engere Beobachtung. Der Beamte beschreibt den Einsatz als selten. Seine Erinnerungen geben Einblick in den Ablauf, ersetzen aber keine Prüfung einzelner Fälle.

Auch rechtlich muss man unterscheiden: Das Bundesverfassungsgericht setzte 2018 enge Grenzen für länger dauernde Fünf- und Sieben-Punkt-Fixierungen in der öffentlich-rechtlichen psychiatrischen Unterbringung. Solche Fixierungen benötigen grundsätzlich eine eigene richterliche Entscheidung, wenn sie absehbar ungefähr eine halbe Stunde erreichen. Daraus lässt sich weder ein pauschales Verbot aller Fixierungen noch ein genaues Abschaffungsdatum für das Magdeburger Bodensystem ableiten.

JVA Magdeburg - Lost Places Fototour

Mit Licht und Schatten Geschichten erzählen – drei Fotoideen

Gerade in den Zellen der JVA Magdeburg lohnt es sich in der Lost Places-Fotografie, bewusst mit Licht und Schatten zu spielen. Ein schmaler Lichtstreifen auf kahlen Fliesen, ein dunkler Türrahmen, der Blick auf eine leere Liege: So könnt ihr die triste, trostlose und zugleich faszinierende Atmosphäre einfangen. Gefängnisse sind geschichtsträchtige Orte – wie einige ja auch vom alten Gefängnis in Köpenick kennen. Fotografisches Storytelling macht hier besonders viel Reiz aus, diese Eindrücke in eine kleine Bildgeschichte zu übersetzen.

1. Lasst das Licht den Blick führen. Sucht eine helle Stelle im sonst dunklen Raum und belichtet so, dass ihre Struktur erhalten bleibt. Lasst Schatten ruhig dunkel wirken, statt jede Ecke aufzuhellen. Ein Lichtstreifen auf der Liege oder am Boden kann den Blick gezielt auf die Leere der Zelle lenken.

2. Erzählt in drei Bildern. Beginnt mit dem Flur als Übersicht, zeigt danach die Zelle und endet mit einem Detail – etwa einer Kostklappe oder einer Befestigung im Boden. So führt ihr die Betrachter vom Ort zu einer konkreten Spur. Ergänzt belegte Hintergründe in den Bildunterschriften, ohne aus einem Detail eine ungesicherte Geschichte abzuleiten.

3. Macht Enge und Abstand spürbar. Fotografiert durch einen Türrahmen oder ein Gitter und bezieht den dunklen Vordergrund ein. Probiert anschließend einen näheren Standpunkt: Wie verändert sich die Wirkung, wenn nur noch Liege, Wand und Fensterlicht übrig bleiben? Achtet auf klare Linien und wenige Bildelemente – oft erzählt gerade die Leere besonders viel.

Dieselben Mauern, verschiedene Zeiten

Ein Gefängnis ist kein eingefrorener Augenblick. Räume werden umgebaut, Technik kommt hinzu, Regeln ändern sich. Deshalb dürfen wir die heute sichtbaren Kameras und Halterungen nicht einfach einer beliebigen Epoche zuordnen. Der Bericht unseres Zeitzeugen hilft bei der Einordnung des späteren JVA-Alltags. Für die Ereignisse von 1953 brauchen wir andere Quellen.

Schon im ersten Teil führte uns der Weg vom Zellenflur hinaus auf den Hof und zum Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Herbert Stauch und Alfred Dartsch wurden am 18. Juni auf dem Gelände der Strafvollzugsanstalt Sudenburg erschossen. Eine weitere Lebensgeschichte ist mit den Ereignissen hier verbunden. Sie endet jedoch an einem anderen Ort.

Ernst Jennrich: Ein zerbrochenes Gewehr, ein zerstörtes Leben

Ernst Jennrich war Gärtner und Vater von vier Kindern. Am 17. Juni 1953 war er mit einem seiner Söhne in Magdeburg unterwegs. Vor dem Gefängniskomplex geriet er in die aufgewühlte Menschenmenge. Er nahm einem Jugendlichen einen Karabiner ab, gab zwei Schüsse ab und zerschlug anschließend die Waffe.

Wohin er schoss und mit welcher Absicht, wurde später unterschiedlich dargestellt. Nach seiner eigenen Aussage wollte er das Gewehr entladen. Dass er einen Volkspolizisten gezielt erschossen hatte, ließ sich ihm nicht nachweisen. Dennoch wurde aus dem Gärtner ein Angeklagter in einem politisch gesteuerten Verfahren.

Das erste Urteil im August 1953 lautete auf lebenslange Haft. Die Staatsanwaltschaft verlangte die Todesstrafe. Hilde Benjamin hatte bereits vor Prozessbeginn auf ein Todesurteil gedrängt. Nach Aufhebung des ersten Urteils stand Jennrich erneut vor Gericht – vor denselben Richtern.

Die neue Verhandlung dauerte nur fünfzehn Minuten. Eine neue Beweisaufnahme gab es nicht. Am 6. Oktober 1953 wurde er zum Tode verurteilt. Sein Gnadengesuch blieb erfolglos.

Am 20. März 1954 wurde Ernst Jennrich in Dresden mit dem Fallbeil hingerichtet. Er war 42 Jahre alt. Seine vier Kinder verloren ihren Vater. Erst 1991 wurde er rehabilitiert.

Wenn ihr heute durch die JVA geht, liegt diese Geschichte nicht sichtbar vor euch. Eine Tür trägt keinen Lebenslauf. Ein Hof erklärt kein Urteil. Doch wer die Hintergründe kennt, schaut anders auf diese Räume. Aus einer verlassenen Kulisse wird ein Ort, der mit konkreten Menschen verbunden ist.

Was ihr mit der Kamera entdecken könnt

Die Antwort auf unser Zellenrätsel verändert auch den fotografischen Blick. Vielleicht beginnt eure Serie mit dem langen Flur und seinen wiederkehrenden Türen. Dann geht ihr näher heran: eine Kostklappe, die Befestigung einer Liege, eine Öse im Boden. Erst der Raum, dann das Detail. So können Bilder einen Zusammenhang erzählen, den ein einzelnes Weitwinkelfoto kaum zeigen würde.

Licht und Schatten zwischen Galerien, Geländern und Zellentüren der JVA Magdeburg

Licht, Schatten und Linien – ein Flur voller Bildideen
Das helle Fensterlicht trifft auf dunkle Galerien, Geländer und Netze. Diagonalen ziehen euren Blick in die Tiefe, wiederkehrende Linien geben dem Bild Rhythmus. Sucht einen Standpunkt, an dem sich die Ebenen klar voneinander abheben. Schon ein kleiner Schritt zur Seite verändert, wie die Linien zusammenlaufen. Prüft die hellen Bildstellen, damit das Licht seine Zeichnung behält und die Schatten ihre Stimmung.

Achtet darauf, wie das Fensterlicht über die Fliesen wandert. Wie eine offene Tür den Blick in den nächsten Raum rahmt. Wie sich die Linien der Galerien und Stahltreppen überlagern. Nehmt die Kamera zwischendurch herunter und lasst den Raum auf euch wirken. Welche Spur erzählt für euch am meisten?

Für die hellen Fliesen und dunklen Türrahmen lohnt es sich, die Belichtung sorgfältig zu prüfen. Sichert die Zeichnung im Fensterlicht und probiert verschiedene Standpunkte. Eine niedrige Perspektive kann die Ösen sichtbar in den Raum einordnen. Eine zweite Aufnahme aus Augenhöhe zeigt, wie unscheinbar dieselben Spuren zunächst wirken.

Nahaufnahme des alten Türschlosses D 19 mit Kratzern und abgenutztem Metall

Geht näher ran – die kleinen Spuren erzählen weiter
Die Kennzeichnung „D 19“, das Schlüsselloch, die Kratzer im Metall: In der JVA warten viele Motive abseits der großen Raumansichten. Geht so nah heran, dass ein einzelnes Detail das Bild trägt. Achtet auf die Schärfe am Schloss und darauf, wie viel Gitter und Flur im Hintergrund erkennbar bleiben. Eine Übersichtsaufnahme und eine solche Nahaufnahme ergeben zusammen eine kleine Geschichte über den Ort.

Dichter Pflanzenbewuchs im ehemaligen Gefängnishof der JVA Magdeburg

Wenn die Natur den Hof zurückerobert
Dichtes Grün wächst dort, wo früher der Gefängnisalltag den Raum bestimmte. Die Zeit verändert das Gebäude, die Natur nimmt sich Stück für Stück ihren Platz zurück. Gerade dieser Gegensatz zwischen strengen Fensterreihen und ungebändigten Pflanzen lässt den Hof so geheimnisvoll wirken. Nutzt das Grün als Vordergrund und lasst einen Teil der Mauern sichtbar: So erzählt euer Bild zugleich von der früheren Ordnung und dem langsamen Verfall.

Sechs Stunden, um selbst genauer hinzusehen

Bei unserer Fototour habt ihr sechs Stunden Zeit, um die freigegebenen Bereiche selbstständig zu erkunden und eure Bildideen zu verfolgen. Ihr müsst nicht mit einer klassischen Führung von Motiv zu Motiv weiterziehen. Ihr könnt auf das Licht warten, einen Flur aus mehreren Perspektiven aufnehmen und später noch einmal zu einem Detail zurückkehren. Unsere Guides sind vor Ort und ansprechbar.

Vielleicht nehmt ihr am Ende das große Bild des Zellentrakts mit nach Hause. Vielleicht ist es aber auch die kleine Öffnung in einer Tür, die euch nicht mehr loslässt. Die Geschichte hinter einem Motiv lässt sich nicht immer fotografieren. Aber sie kann verändern, wie ihr es fotografiert.

Die JVA Magdeburg ist gefragt; die Fototour ist häufig schnell ausverkauft. Wenn ihr dabei sein möchtet, schaut frühzeitig in die Terminübersicht. Dort findet ihr die aktuell buchbaren Termine und freien Plätze – auch für die kommenden Monate.

Zum Nachlesen: Teil 1 – Was geschah in diesen Zellen?

Quellen und Einordnung für Euch:

Die Schilderung der vier Sicherheitsstufen beruht auf einem Gespräch mit einem ehemaligen JVA-Beamten aus dem November 2026. Die historische Einordnung stützt sich auf die Dokumentation des Bundesarchivs zum Aufstand in Magdeburg und die Biografie Ernst Jennrichs im Projekt von bpb, DeutschlandRadio und Zentrum für Zeithistorische Forschung. Die rechtliche Einordnung verweist auf das oben verlinkte Urteil von 2018. Zeitzeugenbericht, historische Quellen und heutiger Blick auf die Räume werden dabei voneinander unterschieden.