JVA Magdeburg - Lost Places Fototour

JVA Magdeburg: Was geschah in diesen Zellen?

Zeitzeugen, verborgene Spuren und eine sechsstündige Fototour durch einen Lost Place, der bis heute Fragen offenlässt

Die eigenen Schritte hallen dumpf durch den Zellenflur. Links und rechts reihen sich schwere Türen aneinander. Dahinter liegen enge Räume, vergitterte Fenster und das fahle Licht eines Ortes, der lange von der Außenwelt abgeschlossen war.

In einem der alten Hafträume wirken die Fliesen fast gespenstisch weiß. Am Boden steht eine fest verschraubte Liege. Daneben befinden sich Fixierungsringe, an den Wänden hängen Kameras. Die Tür ist schallgedämmt.

JVA Magdeburg - Lost Places Fototour

Wozu diese ungewöhnlichen Zellen dienten, können selbst Menschen, die jahrelang in der JVA Magdeburg arbeiteten, bislang nicht sicher beantworten.

Genau hier beginnt unsere Fototour – für die es gerade neue Termine bis zum Jahresende gibt: nicht vor einer bloßen Kulisse, sondern zwischen Spuren, die Fragen stellen.

Je länger ihr euch durch die Zellenflure, Treppenhäuser und vergitterten Galerien bewegt, desto stärker beginnt die Fantasie zu arbeiten. Wie klang dieser Ort, als die Türen noch verschlossen wurden? Wer ging über diese Flure? Was geschah hinter den Wänden, über das heute niemand mehr Auskunft geben kann?

Zwei Zeitzeugen haben uns dabei geholfen, einige dieser Spuren zu lesen. Plötzlich erzählen unscheinbare Metallkästen von Fluchtverhinderung, verschwundene Wachtürme von Kontrolle und eine heute fast leere Fläche von schwerer körperlicher Arbeit. Andere Räume behalten ihr Geheimnis bis heute.

24 grüne Kästen – und ein kleines Rätsel

An der mächtigen Betonmauer hängen in regelmäßigen Abständen 24 grüne Metallkästen. Sie sind leicht zu übersehen. Vielleicht sind einige von euch bei einer früheren Fototour bereits an ihnen vorbeigegangen, ohne ihnen besondere Beachtung zu schenken.

Auch wir wussten lange nicht, wozu sie dienten.

Einer unserer Zeitzeugen konnte das Rätsel schließlich lösen: Hinter den Kästen liegen Verpressanker, die die Betonmauer stabilisieren. Die grünen Metallhauben sollten verhindern, dass Gefangene die Anker als Tritte oder Kletterhilfe nutzten.

Plötzlich sind es keine unscheinbaren Kästen mehr.

Im Kopf entsteht das Bild einer hohen Mauer, eines bewachten Wehrgangs und von Menschen, die jede Unebenheit auf eine mögliche Flucht hin betrachteten. Direkt an der Mauer stand einer von insgesamt fünf Wachtürmen. Die Türme sind längst verschwunden, doch der frühere Wehrgang lässt sich bis heute erkennen. Außerhalb der JVA blieb außerdem das kleine Gebäude mit den damaligen Hundezwingern erhalten.

Solche Details verändern den Blick auf einen verlassenen Ort. Ein Stück grünes Metall erzählt auf einmal von Kontrolle, Fluchtgedanken und einem Alltag, der hinter den Mauern möglichst unsichtbar bleiben sollte.

Genau das lieben wir an der Lost Places Fotografie, denn manchmal entsteht genau dort ein starkes Foto: nicht am größten oder spektakulärsten Motiv, sondern an einer kleinen Spur, deren Bedeutung sich erst beim zweiten Hinsehen offenbart.

Wenn Zeitzeugen ein verschwundenes Gelände zurückbringen

Zellentrakt der JVA in Magdeburg

Vor dem großen Gefängnistor lässt sich heute kaum noch erahnen, wie dicht dieser Teil des Geländes früher bebaut war. Der Blick geht über eine offene Fläche. Doch in den Erinnerungen der Zeitzeugen stehen dort plötzlich wieder Baracken.

Er hat kurz innegehalten. „Baracken,“ sagt er, auf die Frage hin was damals an diesem Ort war, wo heute die Autos von uns parken. „Die Insassen haben dort gearbeitet. Und direkt am Tor — da lag der Kohleplatz.“ Zehn, manchmal fünfzehn Mann. Täglich. Sie schaufelten die Kohle für das unterirdische Kesselhaus der Anstalt. In der Anstalt, in der sie einsaßen.

Und dann sagt er: „Hier, genau hier — das war einer der Schauplätze der großen Revolte. 1953.“

Wir schreiben den 17. Juni 1953. Es ist kurz nach 7 Uhr morgens. Aus dem Schwermaschinenbaukombinat strömen die ersten Arbeiter. Sie legen ihre Werkzeuge nieder. Andere folgen — aus Dutzenden Betrieben, in Arbeitskleidung, auf Lastwagen und zu Fuß. Auf einem der LKWs hält jemand ein Schild: Wir wollen keine Sklaven sein.

Ohne diese Erzählungen wäre die Fläche leer.

Mit diesem Wissen bekommt sie ihre Geschichte zurück. Aus einem unscheinbaren Teil des Geländes wird ein Ort schwerer körperlicher Arbeit, ständiger Überwachung und eines Gefängnisalltags, dessen sichtbare Spuren inzwischen fast vollständig verschwunden sind.

Auch das macht Lost Places so besonders: Man fotografiert nicht nur das, was noch da ist. Man versucht ebenso, das sichtbar zu machen, was fehlt.

Als Tausende Menschen vor den Mauern standen

Am 17. Juni 1953 begann der Protest in Magdeburg in den großen Industriebetrieben. Arbeiter legten ihre Werkzeuge nieder. Demonstrationszüge bewegten sich durch die Stadt, immer mehr Menschen schlossen sich ihnen an.

Im Laufe des Vormittags standen zwischen 15.000 und 20.000 Menschen vor dem Gebäudekomplex in Sudenburg. Zu ihm gehörten neben der Strafvollzugsanstalt auch das Bezirksgericht, das Polizeipräsidium und die Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit.

Man kann sich die Unruhe dieses Tages heute nur schwer vorstellen: Tausende Menschen vor den Mauern, Rufe, Bewegung, bewaffnete Sicherheitskräfte und schließlich Schüsse.

Demonstrierende drangen in das Polizeipräsidium und das Bezirksgericht ein. In die beiden Haftanstalten gelangten sie wegen des heftigen Gewehrfeuers jedoch nicht. Bei den Kämpfen rund um den Komplex starben drei Zivilisten, zwei Volkspolizisten und ein Mitarbeiter der Staatssicherheit. Nach Mittag trafen sowjetische Panzer ein und räumten das Gelände.

Häufig werden diese Ereignisse mit der Befreiung von 221 Gefangenen verbunden. Diese fand jedoch nicht hier in Sudenburg statt, sondern am Nachmittag in der Untersuchungshaftanstalt am Moritzplatz.

Gerade solche Unterschiede zeigen, wie wichtig es ist, Erinnerungen vor Ort mit historischen Quellen zusammenzubringen. Denn Mauern bewahren Spuren – aber sie erzählen ihre Geschichte nicht von allein.

Herbert Stauch: ein Todesurteil ohne Beweise

Unter den Menschen, die am 17. Juni in den Demonstrationszug gerieten, war Herbert Stauch. Der 35-jährige Müllermeister hatte in Magdeburg eine kleine Teigwarenfabrik gekauft. Seine Familie sollte bald nachkommen. Für ihn sollte hier ein neuer Lebensabschnitt beginnen.

Stattdessen wurde er zu einem von vier Delegierten gewählt, die dem Polizeipräsidium die Forderungen der Demonstrierenden überbringen sollten.

Noch am selben Abend wurde Herbert Stauch verhaftet.

Am 18. Juni 1953 verurteilte ihn ein sowjetisches Militärtribunal in einem etwa einstündigen, nicht öffentlichen Verfahren zum Tode. Nur wenige Minuten später wurde er gemeinsam mit Alfred Dartsch auf dem Gelände der Strafvollzugsanstalt Sudenburg erschossen.

Der Verbleib ihrer Leichname ist bis heute unbekannt.

1996 rehabilitierte die russische Militärstaatsanwaltschaft Herbert Stauch. Es hatte weder einen Beweis für bewaffneten Widerstand noch für eine andere Straftat gegeben. Heute trägt in Magdeburg eine Straße seinen Namen.

Wenn ihr während der Fototour über diesen Hof geht, steht ihr deshalb nicht einfach vor einer verlassenen Gefängniskulisse. Ihr steht an einem Ort, an dem Geschichte ganz konkret wurde: durch Entscheidungen, durch Gewalt und durch zwei Leben, die innerhalb weniger Stunden ausgelöscht wurden.

Vielleicht wirkt der Hof still. Seine Geschichte ist es nicht.

Die Zellen, deren Geschichte wir noch nicht kennen

JVA Magdeburg - Lost Places Fototour

Bei einer unserer letzten Touren entdeckten wir im alten Untersuchungshaftgebäude mehrere ungewöhnliche Hafträume.

Schon der erste Blick hinein lässt innehalten.

Die Zellen sind mit hellen Fliesen ausgekleidet. In den beinahe waschküchenartig weißen Räumen stehen am Boden befestigte Liegen mit Fixierungsmöglichkeiten. Die schweren Türen sind schallgedämmt. In jeder Zelle befinden sich Kameras.

Das kalte Metall, die nackten Wände und das weiße Licht ergeben ein Motiv, das zugleich nüchtern und beklemmend wirkt. Gerade weil so wenig in diesen Räumen steht, beginnt der Kopf, die Leere selbst zu füllen.

Unsere Zeitzeugen berichteten, dass die Staatssicherheit in diesem Trakt untergebracht war und es dort neben den Zellen auch Verhörräume gab. Wozu die besonderen Hafträume tatsächlich dienten, wissen wir bislang jedoch nicht.

Wir fragen weiter nach.

Denn ein wichtiger Teil unserer Arbeit besteht darin, nicht vorschnell eine möglichst dramatische Geschichte zu erfinden. Wir nehmen die sichtbaren Spuren ernst, gleichen Erinnerungen ab und suchen nach belastbaren Antworten.

Bis dahin bleiben die schallgedämmten Zellen eines der großen Rätsel dieses Ortes.

Fotografieren heißt hier auch: genauer hinsehen

Das beweist einmal mehr: Die ehemalige JVA Magdeburg gehört zu den eindrucksvollsten Gefängnis-Lost-Places in Deutschland und bietet unzählige eindrucksvolle Motive: lange Zellenflure, schwere Türen, offene Stahltreppen, vergitterte Galerien und schmale Lichtstreifen, die durch kleine Fenster in die dunklen Räume fallen.

Im frühen Licht werfen die Gitter harte Schatten auf Wände und Böden. Eine halb geöffnete Zellentür wird zum Rahmen für den nächsten Flur. Abgeplatzte Farbe, alte Beschriftungen und zurückgelassene Gegenstände erzählen im Detail weiter, wo die großen Räume längst schweigen.

Manchmal hört ihr nur die eigenen Schritte. Dann fällt irgendwo eine Tür ins Schloss, Metall hallt durch das Gebäude – und für einen kurzen Moment lässt sich erahnen, wie geschlossen und bedrückend dieser Ort früher gewirkt haben muss.

Doch die stärksten Bilder entstehen vielleicht nicht allein durch Licht, Perspektive und Verfall. Sie entstehen, wenn ihr versteht, was sich hinter den sichtbaren Spuren verbirgt.

Begib dich auf Zeitreise durch einen der eindrucksvollsten Gefängnis-Lost-Places

Deshalb bekommt ihr bei unserer Fototour sechs Stunden Zeit, um das weitläufige Gelände selbstständig und ohne den Zeitdruck einer klassischen Führung zu erkunden. Ihr könnt euch frei bewegen, auf das richtige Licht warten, eure eigenen Bildideen verfolgen und auch jenen unscheinbaren Details nachgehen, an denen andere vielleicht vorbeilaufen.

Unsere Guides sind während der gesamten Tour vor Ort. Sie beantworten eure Fragen, erzählen von den Erkenntnissen der Zeitzeugen und zeigen euch besondere Räume und Perspektiven.

Die neuen Termine bis zum Jahresende sind jetzt online.

Wenn ihr die ehemalige JVA Magdeburg selbst fotografieren und ihre Geschichte genau dort entdecken möchtet, wo sie geschehen ist, findet ihr hier alle Termine und freien Plätze.

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