Das Geheimlabor des DDR-Sports: Was unter dem Hügel in Kienbaum geschah

Original erhaltene Technik, Olympiasieger und eine exklusive Fototour durch die Unterdruckkammer Kienbaum

Von außen ist kaum zu erkennen, was sich unter dem begrünten Erdhügel im Wald verbirgt. Kein Eingang, kein auffälliges Gebäude, kein Hinweis auf die Geschichte dieses Ortes.

Doch unter der Erde beginnt eine andere Welt.

Hinter einer Schleuse liegen Laufbänder, Ergometer, Monitore, Überwachungskameras, Mikrofone und Robotron-Computer. Viele Gegenstände stehen noch immer dort, wo sie 1990 zurückgelassen wurden. Seitdem scheint in der unterirdischen Trainingsanlage die Zeit stehen geblieben zu sein.

Willkommen in Kienbaum – einem der ungewöhnlichsten Lost Places bei Berlin – der verlassenen historische Höhentrainingsanlage, ein historischer, geheimer Bunker aus der DDR-Zeit.

Ein künstliches Gebirge unter der Erde

Die DDR hatte ein Problem: Sie wollte Olympiasieger hervorbringen, verfügte aber nicht über hohe Berge, in denen Athleten unter natürlichen Bedingungen trainieren konnten.

Also ließ sie ein Gebirge bauen.

1979 entstand in Kienbaum die weltweit erste unterirdische Unterdruckkammer für den Leistungssport. Auf einer Fläche von rund 2.400 Quadratmetern simulierte die Anlage Luftdruckverhältnisse, wie sie in bis zu 3.000 Metern Höhe herrschen. Die Wände der unterirdischen Anlage sind bis zu drei Meter dick. Die Kosten: 15 Millionen DDR-Mark.

Von außen blieb davon kaum etwas sichtbar. Die gesamte Hochleistungssportanlage wurde unter einem begrünten Hügel verborgen und streng geheim gehalten.

Während oben der Wald im Wind rauschte, trainierten darunter Sportler in künstlich verdünnter Luft. Ihre Körper mussten mit deutlich weniger Sauerstoff auskommen. Jeder Puls, jeder Atemzug und jeder Trainingswert konnte aufgezeichnet und überwacht werden.

Eine unterirdische Zeitkapsel

Wer heute durch die Anlage geht, betritt keinen nachgebauten Erlebnisraum. Kienbaum ist ein echter, original erhaltener Lost Place, der vor Vandalismus bewahrt wurde.

Seit dem Ende des Betriebs im Jahr 1990 wurde kaum etwas verändert. Alte Laufbänder und Ergometer stehen noch an ihrem Platz. Überwachungskameras hängen an den Wänden. Monitore, Mikrofone, Kopfhörer und Messgeräte erzählen von einer Zeit, in der der DDR-Sport mit enormem wissenschaftlichem und politischem Aufwand auf Medaillenjagd ging.

Manche Räume wirken beinahe nüchtern. Andere haben etwas Geheimnisvolles. Das Licht fällt durch kleine Fenster oder bleibt ganz aus. Kabel führen über Wände und Decken. Alte Geräte stehen in Reih und Glied, als könnte jederzeit jemand zurückkehren und den Betrieb wieder aufnehmen.

Gerade diese Mischung macht Kienbaum zu einer echten Perle unter den Lost Places bei Berlin: Die Anlage ist nicht spektakulär, weil sie verfällt. Sie ist spektakulär, weil so viel Originales erhalten geblieben ist.

Hier trainierten Olympiasieger

Unter den Athleten, die in Kienbaum trainierten, war auch Waldemar Cierpinski. Der Marathonläufer gewann 1976 in Montreal und 1980 in Moskau olympisches Gold. Auf seinen zweiten Olympiasieg hatte er sich unter anderem in der künstlich erzeugten Höhenluft der Kienbaumer Unterdruckkammer vorbereitet.

Auch viele andere erfolgreiche DDR-Sportler nutzten die Anlage. Läufer, Geher und Kanuten trainierten hier unter Bedingungen, die mehrere tausend Meter über dem Meeresspiegel simulierten, während Wissenschaftler ihre körperlichen Reaktionen genau beobachteten.

Vier Jahre später lagen mehr als 40.000 Trainingskilometer hinter Cierpinski. Sein Ziel waren die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles. Dann betrat Manfred Ewald den Raum in Kienbaum. Der Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes und mächtigste Mann im DDR-Sport verkündete den Boykott der Spiele.

Für Cierpinski, den zweifachen Olympiasieger im Marathon, war diese Entscheidung ein schwerer Schlag. Er erklärte, dass er an keinem Ersatzwettkampf teilnehmen werde. Mit diesem Moment, sagte er später, sei seine Laufbahn im Hochleistungssport beendet gewesen.

Der Boykott blieb bestehen. Als am ersten Tag der Olympischen Spiele der Frauenmarathon im Fernsehen übertragen wurde, schaltete Cierpinski das Gerät aus.

Später erinnerte er sich:

„Da habe ich geheult.“

— Waldemar Cierpinski, zweifacher Olympiasieger im Marathon

Der Raum, in dem Manfred Ewald diese Entscheidung verkündete, gehört heute zu den Bereichen, die ihr bei der go2know-Fototour betreten könnt. Er liegt in einer Anlage, die einst zu den bestgehüteten Geheimnissen des DDR-Sports gehörte.

Auch Ronald Weigel gehörte zu den ersten Athleten, die in der Unterdruckkammer trainierten. Bei einem Test wurde die Anlage versehentlich auf eine simulierte Höhe von 4.000 Metern eingestellt. Weigel bemerkte schnell, dass etwas nicht stimmte: Er konnte das Tempo auf dem Laufband kaum noch halten.

Später wurde er mehrfacher Weltmeister im 50-Kilometer-Gehen.

Für Kanuten gab es im Untergeschoss eine weitere ungewöhnliche Trainingsmöglichkeit. In einem eigens gebauten Becken konnten Paddelkraft und Wasserwiderstand gemessen werden. Kienbaum war deshalb weit mehr als ein Trainingsort: Die Anlage war ein unterirdisches sportwissenschaftliches Labor, in dem Leistung vermessen, kontrolliert und systematisch gesteigert wurde.

Training ohne Tageslicht

Besonders eindrucksvoll ist die Geschichte eines Experiments, bei dem Athleten fast zwei Wochen lang ununterbrochen in der Kammer bleiben sollten.

Sie sollten dort essen, schlafen und trainieren – bei simulierten 4.000 Metern Höhe und ohne Tageslicht. Nach elf Tagen wurde der Versuch abgebrochen.

Die Verantwortlichen stellten fest, dass die Athleten mental nicht mehr in der Lage waren, weiterzumachen.

Was genau während dieses Experiments geschah, ist bis heute nicht in allen Einzelheiten dokumentiert. Gerade diese Lücken verstärken den Eindruck, den die Räume vermitteln. Die Anlage gibt nicht jede ihrer Geschichten preis. Manche Fragen bleiben offen.

Vielleicht ist es genau dieser Moment, der Kienbaum so besonders macht: Ihr seht die Räume, die Technik und die zurückgelassenen Gegenstände – und beginnt automatisch, euch vorzustellen, wie es hier früher gewesen sein muss.

Zwischen sportlichem Erfolg und politischer Kontrolle

Zur Geschichte Kienbaums gehört nicht nur der sportliche Erfolg. Die DDR betrieb Hochleistungssport immer auch als politisches Projekt.

Viele Athleten, die in Kienbaum trainierten, waren Teil eines Systems, in dem sportliche Erfolge für das Ansehen des Staates genutzt wurden. Gleichzeitig waren zahlreiche Sportler in das staatliche Dopingprogramm der DDR eingebunden.

Das Höhentraining in der Unterdruckkammer war für sich genommen legal. Es erzeugte durch den verminderten Luftdruck einen natürlichen Trainingseffekt: Der Körper reagiert auf den Sauerstoffmangel und bildet mehr rote Blutkörperchen.

Doch die Kammer existierte innerhalb eines Systems, in dem wissenschaftliche Forschung, Leistungsdruck, Überwachung und Doping eng nebeneinanderstanden.

Wer heute durch die Anlage geht, sieht deshalb nicht nur alte Sportgeräte. Ihr seht auch einen Ort, an dem sich die Widersprüche des DDR-Sports besonders deutlich zeigen: außergewöhnliche wissenschaftliche Leistungen, große sportliche Erfolge und eine staatliche Kontrolle, die weit über das Training hinausging.

Was ihr in Kienbaum fotografieren könnt

Die Unterdruckkammer ist ein ungewöhnliches Fotomotiv, weil sie nicht aus einem einzigen spektakulären Raum besteht. Ihre Wirkung entfaltet sich in den Details:

  • alte Laufbänder und Ergometer
  • originale Robotron-Computer
  • Überwachungskameras
  • Monitore und Messgeräte
  • Mikrofone und Kopfhörer
  • Kabel, Schalter und Bedienfelder
  • unterirdische Trainingsräume
  • das Kanubecken im Untergeschoss
  • technische Räume und Schleusen
  • Spuren der ehemaligen Sportwissenschaft

Im frühen Licht liegen harte Schatten auf den Geräten. Metallflächen glänzen neben staubigen Oberflächen. Ein einzelnes Kabel, eine alte Anzeige oder ein Kopfhörer kann mehr erzählen als ein ganzer Raum.

Hier lohnt es sich, langsam zu fotografieren. Nicht nur die großen Maschinen, sondern auch die kleinen Dinge: Beschriftungen, Schalter, Kabeldurchführungen, abgenutzte Griffe und die Spuren jahrzehntelanger Nutzung.

Kienbaum ist ein Fotoparadies für alle, die sich gerne in Details verlieren und aus einer ungewöhnlichen Perspektive auf Geschichte blicken.

Ein Lost Place, der bewahrt wurde

Im Eingangsbereich gibt es heute eine kleine museale Ausstellung. In der eigentlichen Unterdruckkammer stehen außerdem einige Puppen, die den Trainingsalltag veranschaulichen.

Der große Unterschied zu einer klassischen Museumsführung: Der überwiegende Teil der Anlage ist tatsächlich original erhalten. Die Gegenstände wurden nicht für Besucher arrangiert, sondern befinden sich noch an ihrem ursprünglichen Platz.

Ein engagierter Verein kümmert sich liebevoll darum, dass dieser besondere Ort nicht verfällt und vor Vandalismus geschützt bleibt.

Bei den regulären Führungen am letzten Samstag im Monat wird die Anlage in einer festen Gruppe erkundet. Während der go2know-Fototour habt ihr dagegen die Möglichkeit, die Räume frei und exklusiv zu fotografieren.

Ihr könnt euch Zeit lassen, Perspektiven ausprobieren, auf das richtige Licht warten und auch einmal länger bei einem kleinen Detail bleiben. Niemand drängt euch zum nächsten Ausstellungsstück.

Die Fototour durch das Geheimlabor des DDR-Sports

Bei der go2know-Fototour betretet ihr die unterirdische Unterdruckkammer außerhalb der regulären Öffnungszeiten. Ihr erkundet die Anlage frei und fotografiert die original erhaltenen Räume und technischen Geräte in eurem eigenen Tempo.

Dabei geht es nicht nur darum, möglichst viele Motive zu sammeln. Es geht darum, einen Ort zu erleben, der in dieser Form kaum ein zweites Mal existiert.

Ihr steht dort, wo DDR-Sportwissenschaftler künstliche Höhenluft erzeugten. Ihr seht die Geräte, an denen Athleten für Olympiasiege trainierten. Ihr entdeckt Überwachungstechnik, Messinstrumente und Kommunikationsanlagen, die seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt wurden.

Und vielleicht legt ihr die Kamera zwischendurch für einen Moment beiseite.

Manche Orte wirken am stärksten, wenn man nicht sofort fotografiert, sondern zunächst einfach stehen bleibt: unter der Erde, zwischen alten Maschinen, in einer Luft, die einst künstlich dünn gemacht wurde.

Wenn ihr Lost Places liebt, euch für Fotografie und ostdeutsche Geschichte interessiert oder einfach einen außergewöhnlichen Ort bei Berlin entdecken möchtet, ist Kienbaum eine ganz besondere Fototour.

Wenn ihr diesen außergewöhnlichen Lost Place selbst fotografieren und die originale Unterdruckkammer in Ruhe erkunden möchtet, findet ihr hier die nächsten Termine und freien Plätze für dieses besondere Lost Places-Fototour.