Die artbase, die es nicht geben durfte: Wenn verlassene Orte zu Kunstgalerien werden

Riesige Graffiti in verlassenen Kasernen, geheimnisvolle Gesichter auf bröckelnden Wänden und urban-Art-Kunstwerke, die mit ihrer Umgebung verschmelzen. Manche dieser Bilder verschwinden nach wenigen Jahren. Andere überdauern Jahrzehnte.

Wir nehmen dich mit an einen außergewöhnlichen Ort bei Berlin, an dem internationale Street-Art-Künstler eine ehemalige DDR-Raketenbasis in eine riesige Kunstgalerie verwandelten. Was ist 14 Jahre später davon übrig? Und wo kannst du heute selbst über 140 Street-Art-Werke in einem Lost Place fotografieren?

Die Geschichte dahinter ist ziemlich verrückt. Denn seit 2011 veranstaltet go2know die artbase, ein Street-Art-Festival an verlassenen Orten. Das erste Festival war so erfolgreich, dass wir 2012 eine weitere artbase machen wollten. Doch beinahe hätte es dieses Festival nie gegeben.

9.000 Menschen, ein Polizeieinsatz – und plötzlich war alles vorbei

2011 wollten wir internationale Street-Art-Künstler an einem verlassenen Ort zusammenbringen. Die Idee: Alte Gebäude werden zu Leinwänden und Künstler gestalten die Räume. Einen ganzen Sommer lang wurde gemalt, gebastelt und gechillt. Eine Art Lost-Place-Künstler-Camp ist entstanden, also eine Base. Die artbase war geboren. Im August 2011 fand dann das eigentliche Festival statt und es kamen tausende Besucher, die über 100 Kunstwerke und Kunstinstallationen bewundern konnten.

An diesen Erfolg wollten wir 2012 natürlich anknüpfen. Als Veranstaltungsort hatten wir den Berliner Teufelsberg ausgesucht. Die ehemalige amerikanische NSA-Abhörstation mit ihren riesigen Radarkuppeln war die perfekte Kulisse dafür. Damals machten wir dort noch Fototouren. Das Gelände war zu dieser Zeit noch ganz „unberührt“ und streng bewacht. Über 80 Künstlerinnen und Künstler kamen zur Base, darunter ALIAS, James Bullough, LAKE Oner, Quintessenz und Axel Void. Stolz fotografierten die Künstler ihre Werke und die Bilder verbreiteten sich rasend schnell in den Sozialen Netzwerken.

Doch dann lief auf einmal alles aus dem Ruder. Ein Außenstehender rief eine Woche vor dem Festival ohne unser Wissen über Facebook zu einem nicht genehmigten Flashmob auf dem Teufelsberg auf. Rund 9.000 Menschen kamen und überrannten den Berg. Etwa 4.000 gelangten sogar auf das Gelände der Abhörstation. Die Polizei musste eingreifen, der S-Bahnhof Berlin-Heerstraße wurde zeitweise gesperrt. Die Behörden untersagten daraufhin unser gesamtes Festival, weil sie vermuteten, dass der Andrang auch auf der artbase zu groß werden könnte.

Monatelange Vorbereitung – und plötzlich standen wir ohne Veranstaltungsort da. Eine Woche vor dem Start.

Eine verlassene DDR-Raketenbasis als Rettung

Da standen wir nun. Die artbase war fertig gemalt, die DJs gebucht und die WC-Häuschen aufgestellt. Die Absage der artbase auf dem Teufelsberg hat alle Künstlerinnen und Künstler hart getroffen. Wir alle hatten uns riesig auf das Festival gefreut. Und jetzt stellte sich die Frage: War es das jetzt?

Aufgeben wollten wir nicht. Wir machten uns auf die Suche und kamen auf einen Ersatzort bei Klosterfelde, nördlich von Berlin im Barnim-Gebiet (52.810067, 13.449168). Mitten im Wald versteckt sich hier eine ehemalige Raketenbasis der Nationalen Volksarmee. Wo einst rund 150 DDR-Soldaten stationiert waren, standen nun Mannschaftsunterkünfte, Fahrzeughallen, ein Küchengebäude, Bunker, Raketenbetankungsanlagen und zwei Gefechtsstände mit jeweils 6 Raketen-Startplätzen leer. Die Natur hatte längst begonnen, sich das Gelände zurückzuholen.

Wenn du mehr Hintergründe über die Raketenbasis wissen möchtest, kannst du dir unser Handout als PDF downloaden:

Etwa 20 bis 30 Künstler konnten kurzfristig umplanen und kamen, um innerhalb einer Woche eine „Ersatzartbase“ zu malen. Darunter ALIAS, James Bullough, die SAM Crew, Matthias Gephart, Plotbot Ken und das Graffiti Research Lab Germany. Innerhalb weniger Tage entstanden riesige Wandbilder, kleine versteckte Kunstwerke und Graffiti, die mit der alten Militärarchitektur spielten.

Königsberger Klopse, Campingkocher und jede Menge Improvisation

Während die Künstlerinnen und Künstler malten, organisierten wir den Rest. Andreas koordinierte die Künstler, während Thilo gemeinsam mit Arnas riesige Töpfe Königsberger Klopse, Chili und Suppe kochte. Aufgewärmt wurde alles auf Campingkochern.

Zwischendurch holten wir Künstler vom Bahnhof ab. Geschlafen wurde in Zelten oder direkt in den alten Kasernengebäuden. Alles war improvisiert, anstrengend und ziemlich chaotisch. Aber es funktionierte. Bis plötzlich die Polizei auftauchte.

„Das ist nicht in Ordnung. Aber echt saugeil.“

Ein Nachbar hatte die Beamten verständigt. Als wir davon erfuhren, verließen zunächst alle das Gelände, um nicht erwischt zu werden. Nur die frisch bemalten Wände konnten wir natürlich schlecht verstecken. Als die zwei Polizisten ankamen, inspizierten sie die leeren Gebäude. Wir rechneten schon mit dem nächsten Aus. Doch dann sagte einer der jüngeren Beamten einen Satz, den wir bis heute nicht vergessen haben:

„Das, was hier passiert, ist nicht in Ordnung. Aber echt saugeil. Macht mal weiter und passt auf, dass nix passiert.“

Dann stiegen die beiden wieder in ihren Streifenwagen und fuhren davon. Wir konnten weitermachen.

Ein Wochenende voller Kunst zwischen Ruinen und Bunkern

Im Spätsommer 2012 öffneten wir das Gelände schließlich für ein Wochenende. Besucher konnten auf eigene Faust durch die verlassenen Kasernen streifen und die frisch entstandenen Kunstwerke entdecken. Im ehemaligen Kinosaal und auf dem Vorplatz legten DJs auf. Überall gab es etwas zu sehen: großflächige Murals, versteckte Zeichnungen und Graffiti, die mit den alten Gebäuden verschmolzen.

Ausgerechnet die Absage auf dem Teufelsberg hatte uns an diesen ungewöhnlichen Ort geführt. Aus einem gescheiterten Plan war etwas entstanden, das wir so niemals hätten planen können.

14 Jahre später: Was ist von der Street-Art geblieben?

Im Oktober 2026 sind wir noch einmal nach Klosterfelde zurückgekehrt. Die Natur hatte sich große Teile des Geländes zurückgeholt. Bäume lagen über den Wegen, das Dach des ehemaligen Küchengebäudes war eingestürzt. Im Lagerbunker zeugten verrußte Wände von Lagerfeuern.

Doch zwischen den Ruinen entdeckten wir noch immer Kunstwerke von damals. Einige waren fast vollständig verwittert, andere erstaunlich gut erhalten. Sogar neue Arbeiten mit der Jahreszahl 2025 waren hinzugekommen. Wo wir 2012 zwischen Künstlern, Farbeimern und Kochtöpfen herumgelaufen waren, herrschte heute eine entspannte Stille.

Genau das macht Street-Art an Lost Places so besonders: Die Kunst verändert sich mit ihrer Umgebung. Farben verblassen, Pflanzen überwuchern Mauern und der Verfall schafft immer neue Bilder. Für Fotografen ist dieses Zusammenspiel aus Kunst, Architektur und Vergänglichkeit besonders reizvoll.

Die artbase lebt weiter: Entdecke über 140 Street-Art-Werke in der Domjüch

Die artbase in Klosterfelde war ein einmaliges Abenteuer. Doch die Idee, verlassene Orte durch Street-Art neu zu entdecken, lebte weiter. 2019 fand eine weitere artbase statt – diesmal in der ehemaligen großherzoglichen „Irrenanstalt“ Domjüch bei Neustrelitz. Diese verlassene Psychiatrie ist ein perfekter Lost Place, malerisch an einem verträumten See gelegen.

Über 130 internationale Künstler verwandelten das historische Gelände mit seinen imposanten Gebäuden in eine außergewöhnliche Kunstgalerie. Mehr als 140 Murals, Stencils, Graffiti und Paste-Ups entstanden zwischen alten Mauern, verwitterten Fassaden und verlassenen Räumen.

Das Besondere: Anders als die ehemalige Raketenbasis in Klosterfelde kannst du die Domjüch heute im Rahmen unserer offiziell genehmigten Fototouren selbst entdecken.

Bei unserer sechsstündigen Street-Art-Fototour in der Domjüch⁠ hast du viel Zeit, die Kunstwerke zu erkunden, ungewöhnliche Perspektiven zu finden und das Zusammenspiel von Street-Art, Architektur und Verfall zu fotografieren.

→ Street-Art-Fototour Domjüch entdecken und buchen⁠

Hinweis: Die ehemalige Raketenbasis Klosterfelde (52.810067, 13.449168) befindet sich in einem Waldstück, dass kein regulär zugänglicher Lost Place ist. Die Fototour in der Domjüch erfolgt mit offizieller Genehmigung.