Das Dachzimmer in der Wäscherei

Kindheit in den Beelitzer Heilstätten

Die helle Mittagssonne wirft ein wärmendes Licht in den kargen und völlig verfallenen Raum. Durch die eingeschlagenen Fenster weht ein angenehmer Luftzug und alte Tapetenreste spielen mit dem Wind. Ansonsten ist es absolut still. Ganz behutsam tastet sich Inge voran. „Die Tapete ist noch genau dieselbe von früher“, sagt sie und bewundert staunend die einst so vertraute Umgebung.



Wir befinden uns in einem kleinen Dachstübchen in der großen Zentralwäscherei der berühmten Beelitzer Heilstätten. Inges Tante hatte hier oben um 1936 eine kleine, aber schöne Wohnung. Sie arbeitete in der Nähstube eine Etage tiefer. Alle Bediensteten und Mitarbeiter der Sanatorien und Heilstätten bekamen von der Landesversicherungsanstalt Berlin (LVA) entweder eine eigene Wohnung in den Dachbereichen der Häuser, in denen sie arbeiteten, oder sogar ein eigenes Haus in eigens angelegten Straßenzügen der benachbarten Stadt Beelitz. Man hatte eineToilette, fließend Wasser und eine Küche. Das war schon etwas Besonderes, denn in Berlin waren solche Wohnungen eher selten. „Meine Urgroßmutter lebte in einer dunklen Berliner Mietskaserne. Sie hatte eine Kammer mit einem Schrank. Ich durfte sie immer erst ab 10 Uhr besuchen, denn bis dahin hatte Sie die Kammer an Schlafburschen für 10 Mark vermietet“, erklärt uns Inge.

Die Zentralwäscherei ist eines der letzten in Beelitz Heilstätten gebauten Gebäude. Sie wurde 1927 fertig gestellt und gehört zu den Wirtschaftsgebäuden, die wegen des hohen Verbrauchs an heißem Wasserdampf direkt in Kraftwerksnähe platziert wurden. Auch das große Badehaus und die Sanatorien befinden sich ganz in der Nähe. Hier lagen vor allem die Menschen, die sich von der Tuberkulose wieder erholten sowie auch nervenkranke und herzleidende Patienten.
 

 

Wir hatten sehr viel Respekt vor den tuberkulosekranken Leuten. Aber die lagen ja drüben in den Heilstätten hinter der Bahnlinie. Mit denen sind wir ja nicht in Berührung gekommen. Hier in den Sanatorien waren die Menschen nicht ansteckend. Da bin ich immer mit meiner Freundin rüber zur Kochküche gegangen. Jeder, der hier wohnte, konnte sich dort Essen holen. Man bekam da so eine Menage mit mehreren Behältern. Oben war Pudding drin, dann kamen Kartoffeln, Gemüse und ganz unten Fleisch mit Soße. Das alles kostete 1,50 Mark“, erinnert sich Inge an ihre Kindheit in Beelitz Heilstätten. Das Essen brachte sie dann zu ihrem Onkel, der in der Kellerwohnung im Badehaus wohnte. Dort arbeitete er in einer kleinen Werkstatt.

 

 

Die Zentralwäscherei und das Badehaus können mit der Fotobase in Beelitz Heilstätten fotografiert und völlig frei erkundet werden. Bei den Touren zeigen Dir unsere Guides gerne die Zimmer von Inges Verwandten. Die Kochküche befindet sich auf der Seite der Frauen und ist inzwischen wieder saniert. Inge selbst lernten wir im Rahmen unseres go2know-Zeitzeugenprogramms kennen. Ihr Name wurde von der Blog-Redaktion geändert. Inge ist heute 91 Jahre alt.

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